Kastration, immer wieder heiß diskutiert

An diesem Thema gehen sogar die Meinungen der Tiermediziner auseinander. Fragt der unsichere Hundebesitzer drei Experten nach ihrer Meinung zur Kastration erhält er häufig drei verschiedene Antworten. Einen roten Faden zum Thema Kastration scheint es nicht zu geben, denn sowohl für ihre Durchführung als auch für ihre Ablehnung gibt es schwerwiegende Argumente. Um für sich und seinen Vierbeiner zu einer richtigen Entscheidung zu gelangen, sollte ganz individuell geschaut werden, warum ein Kastration Sinn machen würde. Eine pauschale Regel für alle Hunde wäre sicherlich der falsche Weg zu entscheiden, ob eine Kastration sinnvoll ist oder nicht. Für die richtige Wahl sollten demnach alle Aspekte durchleuchtet werden. Die Vermeidung unerwünschter Nachkommen scheint in der heutigen Zeit dabei eine immer geringere Rolle zu spielen. Viel entscheidender sind medizinische Aspekte und die Korrektur möglicher Fehlverhalten.

Beeinflussung des Wesens

Die Kastration wird von vielen Hundehaltern als „Zaubermittel“ zur Korrektur lästiger Verhaltensweisen, insbesondere beim Rüden angesehen. Durch die veränderte Hormonlage ist eine Veränderung des Charakters sicherlich nicht von der Hand zu weisen, was jedoch nicht bedeutet dass auf eine korrekte und konsequente Erziehung des Hundes verzichtet werden kann. Besitzer problematischer Hunde erhoffen sich durch den Eingriff eine verminderte Aggressivität und ein besseres Sozialverhalten ihres Vierbeiners. Dies spielt vor allem gegenüber anderen Rüden oder auf dem Hundeplatz eine wichtige Rolle. Auch die bessere Händelbarkeit sehr aktiver und ungehorsamer Hunde ist ein Wunschziel, was durch die Kastration bezweckt werden soll.

Das Markieren jeglicher Gegenstände, die Jagd und das Jaulen nach läufigen Hundedamen sind weitere Punkte, die für die Kastration eines Rüden sprechen.

Doch nicht immer verspricht die Kastration die Lösung aller Probleme, denn der Eingriff kann eine falsche Erziehung oder eine ungünstige Haltung mit wenig Auslauf niemals wettmachen. Ein aktiver Hund, der nur dreimal am Tag kurz um den Block geführt wird, bleibt auch nach seiner Kastration unausgeglichen.

Sind sich Hundehalter und Tierarzt nicht sicher, ob eine Kastration den gewünschten Erfolg verspricht, so kann durch einen Hormonchip eine „Kastration auf Zeit“ durchgeführt werden. Die injizierten Anti-Hormone imitieren einen kastrationsähnlichen Effekt, der eine gute Möglichkeit ist die Verhaltensveränderung des Vierbeiners zu beurteilen.

Die medizinische Sicht

Für die Hündin

Bei Rüde oder Hündin, die ihr Futter schlecht verwerten oder nur sehr schwer zu füttern sind, kann es zu einem erheblichen Untergewicht und Körperabbau kommen. Für diese Tiere ist die Kastration eine Möglichkeit mehr Fett auf die Rippen zu bekommen. Durch die veränderte Hormonlage wird der Appetit gesteigert und das Futter effektiver verwertet, so dass das Tier schnell zunimmt. Für diese Vierbeiner kann eine Kastration durchaus Sinn machen und effizient Hilfe bringen.

Ein weiterer medizinischer Grund sind häufige Gebärmutterentzündungen bei der Hündin, welche bei hochgradigem Verlauf dramatisch enden kann. Während der Läufigkeit der Hündin besteht die Möglichkeit, dass Keime in die geöffnete Gebärmutter eindringen. Schließt sich diese wieder, können sich die Keime in der Gebärmutter ungehindert vermehren und lebensgefährliche Giftstoffe produzieren. Eine eitrige Gebärmutterentzündung ist aus diesem Grund immer eine Notfall-Diagnose, die unverzüglich behandelt werden muss. Um seiner anfälligen Hündin ein erneutes Leiden zu ersparen oder um eine akute Entzündung zu behandeln, kann die Kastration, bei der die komplette Gebärmutter entfernt wird, eine gute und notwendige Entscheidung sein. Bei einem Notfall ist sie häufig sogar die einzig mögliche Therapie, um das Tier zu retten.

Auch eine regelmäßige Scheinträchtigkeit kann eine starke Belastung für die Hündin sein, die sie vor allem psychisch beeinträchtigt, da sie mit einer immensen Verhaltensänderung einhergeht. Symptome dieser vorgetäuschten Trächtigkeit sind ein sich anbildendes Gesäuge sowie das Bemuttern von Stofftieren und das Bauen eines Nestes. Was hier süß aussieht, stellt für die Hündin eine seelische Pein dar, die durch eine Kastration umgangen werden kann und auch dringend sollte.

Die Prävention von Gesäuge-Tumoren ist ein weiteres Argument, welches für die Kastration einer Hündin spricht. Im Falle eines Eingriffs vor Beendigung des ersten Lebensjahres sinkt das Risiko einer Krebserkrankung auf unter 10 Prozent. Ein wichtiges Argument, das viele besorgte Hundebesitzer zu einer Kastration veranlasst.

Für den Rüden

Auch beim Rüden gibt es wichtige medizinische Gründe, welche für eine Katration sprechen können oder diese sogar nötig machen. Ein klarer Fall für eine Entfernung der Hoden ist der sogenannte Kryptorchismus, bei dem ein Hode oder beide in der Leisten-/Bauchregion verbleiben und sich dort tumorös verändern können. Bei diesen Tieren müssen beide Hoden entfernt werden.

Andere Rüden, die unter einer vergrößerten Prostata leiden haben Probleme ihren Harn- und Kotabsatz richtig zu steuern, was im Alltag zu großen Problemen führen kann. Zudem ist die Gefahr von Harnwegserkrankungen sehr groß. Durch die Kastration werden die männlichen Hormone gedrosselt, so dass sich die Prostata nach dem Eingriff schnell verkleinert. Eine weitere Indikation zur Kastration sind selbstverständliche jegliche Tumorerkrankung im Bereich der Geschlechtsorgane.

Wann kastriere ich meinen Hund?

Viele Gegner der Kastration sehen in dem Eingriff einen erheblichen Eingriff in die Persönlichkeitsentwicklung des Tieres. Vor allem die frühe Kastration vor dem ersten Lebensjahr steht unter heftiger Kritik, da davon ausgegangen wird, dass der Hund nach der OP nicht mehr richtig reifen und seinen erwachsenen Charakter ausbilden kann.

Grundsätzlich besteht die Möglichkeit Hunde in fast jedem Alter zu kastrieren, wobei für ältere Tiere ein erheblich höheres Risiko für die Narkose besteht.

Hündinnen, die gerade läufig sind oder vor kurzem waren, gehören sicherlich nicht auf den Op-Tisch, da die starke Durchblutung der Geschlechtsorgane dem Chirurgen die Übersicht erschwert und es zu unkontrollierbaren Blutungen während des Eingriffs kommen kann.

Vor dem Hintergrund seine Hündin vor einer möglichen Krebserkrankung zu bewahren, ist die Kastration vor dem Ende des ersten Lebensjahres anzustreben. Das gesundheitliche Risiko sollte hier schwerer wiegen, als eine mögliche, verlangsamte Charakter-Ausbildung. Die Praxis zeigt zudem, dass Hündinnen diesen frühen Eingriff gut verkraften und sich ihre Entwicklung nicht signifikant von intakten Hündinnen unterscheidet. Insbesondere für Risikogruppen, die familiär- oder rassebedingt zu Tumoren neigen, ist die Kastration eine medizinisch vernünftige Maßnahme.

Anders stellt sich die Situation beim Rüden dar, bei der sich die besten Erfolge in der Praxis bei einer Kastration in einem Alter von einem Jahr oder älter eingestellt haben

Veränderungen des Hundes

Die Entfernung der Geschlechtsdrüsen zieht eine veränderte Hormonlage mit sich, so dass das Risiko besteht, dass sich der Vierbeiner äußerlich und charakterlich verändert. Häufig gefürchtet, ist eine Veränderung des Fells. Ausgeprägte Unterwolle, Ausbildung von Welpenfell und gebietsweiser Fellverlust können durch die Hormonschwankungen eintreten, müssen sie aber nicht. Eine häufig eintretende und positive Veränderung ist die verbesserte Ausgeglichenheit des Hundes, von der viele Besitzer nach der Kastration berichten. Unsinnig ist hingegen sicherlich die Befürchtung, dass das kastrierte Tier nach der Operation träge und langweilig wird. Gemütlicher wird der Vierbeiner nämlich nur wenn nicht auf seine schlanke Linie geachtet wird und er zur faulen, fetten Couch-Potatoe mutieren darf. Der Schwung liegt also ganz in Herrchens Hand und Fütterungsmanagement. Da nach der Kastration sich die Futterverwertung verändern kann, muss die Ernährung nach dem Eingriff unter Umständen angepasst werden. Ein reduzierter Leckerlis-Verbrauch, kein zu fettes Futter und viel Bewegung an der frischen Lust können dieses Risiko jedoch garantiert im Keim ersticken.


Wie entscheide ich mich?

Aus der Verantwortung für unseren treuen Begleiter und besten Freund auf vier Pfoten sollte das Thema Kastration nie eine leichtfertige oder Kurzschlussentscheidung sein. Liegen bestimmte medizinische Gründe vor, sollte sie zum Wohle des Tieres in jedem Fall durchgeführt werden.

Wichtig ist es immer, dass für die Kastration ein vernünftiger Grund vorliegt. Aus Bequemlichkeit oder aufgrund einer falschen Erziehung oder Haltung, sollte kein Hund auf dem Operationstisch landen! Läufige Hündinnen, welche die eignen vier Wände beschmutzen oder aktive Hunde, die nach ihrem Auslauf verlangen, dürfen nie Argument sein, ein Tier operieren zu lassen. Die Verantwortung einen Hund an seiner Seite zu haben, bedeutet eine Verpflichtung zu tragen und einen Alltag zu leben, indem für Faulheit und Verantwortungslosigkeit kein Platz ist.

Entscheidet der Hundehalter sich für den Eingriff, ist die Wahl des richtigen Tierarztes wichtig.

Der Tierarzt ist verpflichtet jeden Hundehalter gründlich über die Risiken der Narkose aufklärt. Um das Narkoserisiko zu senken, muss jeder Vierbeiner vor einem Eingriff gründlich „auf Herz und Nieren“ untersucht werden. Kreislaufprobleme oder versteckte Infekte können eine Narkose lebensgefährlich machen.

Weiterhin muss der Besitzer über alle möglichen Nebenwirkungen der Kastration im Bilde sein, so dass er Folgen wie ein mögliches Übergewicht vermeiden kann.